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Achtzehnte Etappe: In Mittelerde angekommen

Von Queenstown aus begann unser ‚Run‘ Richtung Bluff. Nur noch 320 km ‚to go‘. Doch anstatt am Ende unserer Kräfte kurze Tage mit langen Pausen einzulegen, liefen wir täglich soweit wir konnten und fielen abends so müde auf die Matratzen, dass keine Kraft blieb die Tage für Euch zu rekapitulieren. ?

  • Tag 102-108
  • Etappe: 256 km
  • Total: 2932 km

Von Queenstown aus hieß es ein letztes Mal eine Hazardzone zu umfahren: Den Lake Wakatipu, an dem Queenstown liegt. Diesmal jedoch entspannt mit einem organisierten Transfer anstatt auf die Gunst von vorbeifahrenden Autos zu hoffen.

Der Greenstone Track war eine wahre Freude: gut ausgebaute Waldwege ohne Matsch zu einer der besten Hütten, die wir auf unserem Trail gesehen haben. Die Greenstone Hut hat nicht nur ein eigenes Häuschen für den ‚Aufseher‘ (den es normalerweise auch nicht gibt), sondern sogar Toiletten mit Spülung. ?

Grund genug für uns schon nach 14 Kilometern den Feierabend einzuläuten. ?

Greenstone Track – so muss ein Waldweg aussehen!
Greenstone Hut und Hütte für den ‚Herbergsvater‘

Am nächsten Tag ging es auf den Mavora Walkway. Wir hatten gar keine Vorstellungen von bzw. Erwartungen an diesen Abschnitt. Umso überraschter waren wir von der Schönheit dieser Etappe. Nachts war Schnee auf die nächstgelegenen Berggipfel gefallen. Die Landschaft war zwar ein Sumpfgebiet – was fürs Wandern zugegeben ziemlich unangenehm war (kalte und nasse Füße) – aber sie zeigte sich in einer pastellfarbenen Weite, dass wir uns fühlten, als seien wir endgültig in Mittelerde angekommen …

Mavora Walkway
Manchmal mehr Sumpf als Weg
Aragorn und Gimli?

Nach diesem Tag auf dem Mavora Walkway, an dem sich unsere Augen einfach nicht sattsehen konnten, war der Weg am nächsten Tag ziemlich ernüchternd. Naja, es kann eben nicht jeder Tag ein Highlight sein. Auch in Neuseeland nicht. ?

Auf eine kalte Nacht folgt ein wolkenloser Tag.
#hikertrash

Wir schafften es immerhin noch an diesem Tag für unseren letzten Resupply nach Te Anau rein- und wieder hinauszuhitchen und waren startklar für die letzten Tage fernab der Zivilisation.

Der Takitimu Track am nächsten Tag sah dann so aus:

  1. Rein in den matschigen Wald, in dem wir uns wünschten etwas mehr von der strahlenden Sonne zu sehen;
  2. raus in sumpfige Tussock-Felder, in denen der Weg kaum zu erspähen war und die Sonne brannte;
  3. rein in den nächsten matschigen Wald;
  4. raus auf das nächste sumpfige Tussock-Feld;
  5. repeat ?
Matschiger Wald…
…sumpfiger Tussock…
…matschiger Wald…
…sumpfiger Tussock…
So war ungefähr die Aussicht im Tussock…

Oh, was waren wir froh um 19 Uhr abends endlich in der Lower Wairaki Hut – unserer letzten Hütte (!) – anzukommen!

Am nächsten Morgen klingelte unser Wecker um 4:45 Uhr – zum Ende hin wollten wir nochmal übermotiviert den Sonnenaufgang vom nächsten Gipfel genießen.

Sagte ich Gipfel? 90 Minuten, hatten wir gelesen sollte der Aufstieg dauern. Entweder war da jemand wirklich übermäßig flott unterwegs, oder er hatte die Zeit sehr wohlwollend abgerundet.

Ich habe auf dem gesamten Trail noch nicht so sehr geschnauft wie bei diesem Aufstieg. Es war ein regelrechtes Wettrennen gegen die Zeit, damit wir pünktlich zum Sonnenaufgang aus diesem verdammten Wald heraus waren. Das Farbenspiel hatte schon längst begonnen, als wir noch lange nicht das Ende des Waldes erspähen konnten. Aaaaah, warum stehen wir bitte so früh auf, wenn wir dann doch das Beste verpassen?!? ?

Aber ganz vergeblich war es nicht und wir genossen den anbrechenden Tag auf dem Gipfel. ?

Nach diesem lohnenswerten Start war der restliche Tag ziemlich unspektakulär und führte die meiste Zeit über Farmland.

Trocknen!!!

Felix mussten wir leider verabschieden, der in den Ort Nightcaps hitchen wollte, um sich nochmal zu bevorraten.

Während wir weiter wanderten und ausnahmsweise Handyempfang hatten, erfuhren wir von Felix, dass niemand ihn nach Nightcaps mitnehmen wollte und er die ganzen 16 Extrakilometer zu Fuß gehen musste. One way! ?

Um nicht dieselbe Strecke zurückgehen zu müssen (es war nicht zu erwarten, dass die Straße plötzlich belebter sein würde), versuchte er über eine andere Straße auf den Trail zurückzuhitchen und dadurch etwas offiziellen Weg einzusparen. Genug gelaufen war er ja nun eh.

Und was passierte?!? Seine vermeintlichen Wohltäter brachten ihn genau zu dem Ausgangspunkt, wo er seine 16 Extrakilometer gestartet hatte. ??? Hm, dann würden wir ihn nun wohl nicht mehr wiedersehen. ?

Am Ende ging der Weg endlich raus aus der Sonne (schreibe ich das gerade wirklich?) durch ein bisschen Wald, wo wir einen sehr feinen Campspot unter Pinienbäumen fanden.

Und zum Tagesabschluss gab es doch noch zwei kleine Überraschungen:

Wir trafen Bettina von Hello Mountains, deren Blog wir seit Anbeginn unseres Trails folgen und von der wir uns immer gute Tipps für Unterkünfte usw. geholt haben. Sie war etwa zwei Wochen vor uns gestartet und nun hatten wir sie endlich eingeholt! So wenige Tage vor Schluss schaffen wir es hoffentlich ohne ihre Expertise. ?

Und um 22 Uhr leuchtete plötzlich eine Lampe an unserem Zelt vorbei. Das konnte nur einer sein: Felix! Der Verrückte hatte wirklich noch trotz 16 frustrierenden Extrakilometern die gesamte Tagesetappe zurückgelegt. Die auch bei uns mit 43 Kilometern nicht gerade kurz war und immerhin um 5 Uhr morgens begonnen hatte!

Am nächsten Tag stand die letzte gefürchtete Etappe des Trails bevor: Der Longwood Forest, der matschiger sein sollte als der Raetea Forest im Northland. Wir waren für alles bereit!

oder nicht wirklich bereit…
matschig…
…matschiger…
… kein Entkommen…
…völlig vom Matsch verschlungen!
Hier wachsen lila Pilze!

Und dann auf dem ‚Gipfel‘ erahnen wir mehr als dass wir es wirklich sehen: Bluff – das Ende unseres Trails. Verrückt: so nah und doch noch 110 Kilometer entfernt! Ein bisschen emotional ist das schon… ?

Bluff!

Von hier waren es nur noch wenige Kilometer zur Martins Hut – der entgültig letzten (und womöglich ältesten) Hütte auf dem Trail. Aber leider war diese nicht nur innen sondern auch auf den Außenplätzen völlig überfüllt… kein Platz für unser Zelt. ?

Es war schon Abend und der nächste ‚possible Campground‘ war noch weitere 7 km entfernt und dass wir vorher im Wald fündig werden würden, war nicht sonderlich wahrscheinlich (dicht bewachsen, sehr uneben, usw.). Schlussendlich fetzten wir mit Stirnlampe durch den dunklen Wald, bis wir um halb zehn endlich nach einem weiteren langen Tag unser Zelt aufbauen konnten. Noch 101 km bis Bluff…

Martins Hut

Am nächsten Morgen hatten wir genau ein Ziel vor Augen: einen Burger und eine Cola in der Taverne in Colac Bay. Vorher hieß es noch einige Kilometer Wald hinter uns zu bringen, doch tatsächlich erfüllte sich mittags unser Wunsch. ? Noch 78 km bis Bluff…

Dann ging es seit über tausend Kilometern mal wieder an den Strand. Es endet eben wie es angefangen hat… aber glücklicherweise sind es diesmal keine 90 endlosen Kilometer am Strand entlang…

In dem Küstenörtchen Riverton decken wir uns noch einmal mit Snacks ein. Es war schon 18 Uhr, aber wir wollten so lange laufen, bis es dunkel werden würde und dann unser Zelt in den Dünen aufbauen. Soweit der Plan.

Bis wir an einem Hostel vorbei kommen, das mit ‚hot shower‘, ’special rates for Te Araroa trampers‘ und ‚free wifi‘ wirbt. Hmmm, das klingt verlockend und fragen kostet ja nichts…

Ihr könnt euch denken, wo wir nun gerade anstatt irgendwo in den Dünen unser Nachtlager aufgeschlagen haben. ?

66 km bis Bluff!

Riverton

6 Kommentare

  1. Oh, wie aufregend!!! Was macht ihr als Allererstes, wenn ihr angekommen seid? Und von wegen unspektakulär… Pah! Die Fotos sind alle großartig! 😉 Ich drücke euch!

  2. Ich wünsche euch ganz viel Spaß und noch tolle Momente für eure letzten Kilometer!! Ich werde eure Berichte vermissen. Seid gedrückt!!

  3. @Melanie: Am meisten freue ich mich darauf im Supermarkt ausgiebig alles in den Einkaufswagen zu packen, worauf ich Lust habe. Ohne daran denken zu müssen, wie lange sich die Sachen halten und wie schwer sie auf meinem Rücken sind. Einmal an der Kasse ohne Haferflocken, Couscous und Wraps vorbeigehen… ?

  4. @Lea: Dankeschön! Ich hoffe, dass es ein ‚danach‘ geben wird, über das ich schreiben werde. Ein Abenteuer endet, ein anderes beginnt… Wir wissen nur noch nicht, welches!

  5. Liebe Jasmin, wie immer tolle Bilder und tolle Eindrücke. und danach….die Frage ist wirklich spannend. Aber vorab mal was praktisches (passt gerade zu den Matschbildern ;-)) Wie habt ihr das unterwegs mit dem Wäsche waschen gemacht?
    In den Hütten? Abends gewaschen, morgen trocken? Liebe Grüße Margit

  6. @Margit: Die Frage kann ich ganz simpel beantworten: Gar nicht. ? Die Socken haben wir zwar zwischendurch in Flüssen vom gröbsten Matsch befreit, was aber ziemlich vergeblich ist, da wenige Meter später meist das nächste Matschfeld wartete… Ansonsten haben wir immer erst gewaschen, wenn wir im nächsten Ort waren, also etwa alle 5 Tage.

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