Die letzten vier Tage verbrachten wir in der Sierra Nevada de Santa Marta und sind zum Macchu Picchu Kolumbiens gewandert: der Ciudad Perdida. Durch tiefgrünen Regenwald, auf dessen Wegen einem immer wieder Angehörige des Kogi-Stammes entgegenkommen: Der Mann wahlweise ein Schweinchen oder ein Maultier vor sich hertreibend, die Frau barfuß und unablässig Körbe für Kokablätter häkelnd, gefolgt von einer zahllosen Kinderschar in weißen Kleidern. Zwischendurch geben die Bananenbäume wunderschöne Aussichten auf die endlose Sierra Nevada frei. Den Fluss Buritaca überqueren wir in einer an einem Seil hängenden Gondel und erblicken die Ruinenstätte, nachdem wir 1200 Steinstufen erklommen haben.
Diese Wanderung hat sich in den letzten Jahren zu dem Kolumbien-Abenteuer schlechthin entwickelt. Nachdem 2003 acht Touristen entführt und für bis zu 100 Tage festgehalten wurden, gewann die Ruinenstadt international Bekanntheit und rückte auf der Bucketlist von Abenteurern weit nach oben. Inzwischen können das zu Spitzenzeiten bis zu 200 Personen täglich sein - so dass die zur Verfügung stehenden Betten und Hängematten dieses Jahr in der Semana Santa das erste Mal nicht mehr ausreichten. Aktuell verhandeln die indigenen Völker der Kogi und Wiwa, die rund um den Trail zur Ciudad Perdida leben, eine Begrenzung von maximal 120 Besuchern täglich.
Vom Trailstart zur Ciudad Perdida sind es 23 km, die man hin und zurück läuft. Die 46 km Wanderung wird inkl. Hin- und Rücktransport nach Santa Marta auf vier Tage aufgeteilt. Wir entschieden uns wie schon für unseren Ausflug nach Punta Gallinas in der Wüste Guajira für Magic Tour. Nicht zuletzt weil wir so noch einen kleinen Rabatt raushandeln konnten.

Glücklicherweise ging es anders als bei allen anderen Touren und Wanderungen, die wir bisher unternommen haben, zu einer humanen Uhrzeit los: Treffpunkt 9 Uhr. Gemeinsam mit Eliska und Tom aus Tschechien, die jedoch gerade in Puebla (Mexiko) leben, und Jonas aus Deutschland stiegen wir in den Jeep, um zum Trailstart zu fahren. Zu unserer Gruppe zählte noch eine kolumbianische Familie aus Bogotá, die in einem zweiten Jeep fuhr. Als Besonderheit dieser Tour hatten wir neben unserem Guide Jesús auch noch Übersetzer Tomás mit an Bord.
Guide für die Ciudad Perdida kann man übrigens erst nach einem zweijährigen “Studium” werden. Warum man dann in diesen zwei Jahren nicht die Phrasen, die man erzählt, auch noch auf Englisch lernt, erschließt sich mir nicht ganz. Tatsächlich hatten aber auch alle anderen Gruppen einen Übersetzer dabei.
Bevor wir den Trail starteten, gab es erstmal ein ausgiebiges Mittagessen. Das haben organisierte Mehrtagestouren ja irgendwie an sich, dass es unbedingt drei vollständige Mahlzeiten täglich gibt, und das Mittag- und Abendessen unabdingbar mit Fleisch- (oder Fisch-)einlage sein muss.

Gegen 13 Uhr brechen wir endlich auf und stellen ein paar Dinge schnell fest:
- Wir haben eine coole Truppe erwischt!
- Unser Übersetzer ist super sympathisch.
- Der Guide hat weder Bock auf die Wanderung, noch auf uns und noch weniger darauf seinen Job zu machen und uns ein paar Informationen rüberzuschieben. Er bildet in der Regel das Schlusslicht und trottet gemächlich hinter der Truppe her. Ohne ihn darf aber trotzdem nichts entschieden werden, so müssen wir jedes Mal auf ihn warten, bevor wir unsere Pausenverpflegung (Wassermelone, Ananas oder Orangen - yummy!) oder unsere Bettenzuteilung bekommen.
Die mangelnden Informationen unseres Guides macht glücklicherweise unser Übersetzer wett, der uns all unsere Fragen ausführlich beantwortet.
Der erste Tag ist nur ein halber Wandertag, die Sonne scheint, der Weg ist leicht - und dennoch sind wir nach 15 Minuten klitschnass. Vor der hohen Luftfeuchtigkeit gibt es einfach kein Entkommen!



Unterwegs sehen wir immer wieder weite Flächen ohne Regenwald-Vegetation: ehemaliger Koka-Anbau, der inzwischen von der Regierung verboten wurde, und grünes Brachland hinterlassen hat. Jesús verspricht uns abends mehr Informationen zum Koka-Anbau zu geben.



Schneller als gedacht kommen wir an unserer ersten Unterkunft an, in der auch alle anderen Gruppen ihr Lager beziehen. Gleichzeitig mit uns sind etwa 30 weitere Leute unterwegs. Fühlt sich zwar irgendwie viel an, aber im Vergleich zu der Besucherzahl in der Hauptreisezeit ist es doch sehr überschaubar!



Im Camp stehen 20 doppelstöckige Betten aneinander gereiht, jedes mit einem Moskitonetz und einer sehr durchgelegenen Matratze ausgestattet. Von diesen Bettenreihen gibt es (je in einer separaten Hütte) drei Stück, so dass jede Gruppe zumindest in diesem ersten Camp etwas Privatsphäre hat.


Die versprochenen Informationen zum Koka-Anbau gibt uns Jesús an diesem Abend leider nicht. Stattdessen teilt er mit uns, dass der erste Tag für ihn immer der anstrengendste ist, da er schon um 5 Uhr aufstehen musste. Und damit er nicht aus seinem Rhythmus kommt, verkündet er, dass er uns am nächsten Tag um 5 Uhr wecken wird.
Am nächsten Morgen weckt uns dann schließlich unser Übersetzer Tomás um 5:20. Jesús hat verschlafen…
Nach einem ausgiebigen Frühstück geht es kurz nach 6 Uhr auf den Weg.



Unterwegs kommen uns immer wieder Angehörige des Kogi- und Wiwa-Stammes entgegen. Frauen dürfen übrigens keine Schuhe tragen, weil die Stämme glauben, dass die Frau durch das Barfußlaufen Fruchtbarkeit aus der Erde empfängt. Dabei häkelt sie unablässig Umhängetaschen, in denen die Stammesangehörigen Koka-Blätter mit sich herumtragen. Denn anders als für den zivilisierten Teil Kolumbiens gelten für die indigenen Völker ihre eigenen Gesetze, und die sehen eben auch den Anbau von Kokablättern vor.


Die Kogi und Wiwa sind zwei von vier indigenen Stämmen, die in der Sierra Nevada de Santa Marta leben. Die anderen beiden Stämme (Arhuaco und Kankuamo) möchten keinen Kontakt zu Touristen bzw. der modernen Welt und leben abgeschieden von den Touristenströmen.
Man kann es ihnen nicht verübeln, denn man sieht bereits stark die Einflüsse, die die Tourgruppen auf ihren Lebensstil haben. Einige Kogi und Wiwa tragen zu ihrer traditionellen Kleidung bunte Käppis oder hören Musik aus ihrem iPod, während sie durch den Dschungel wandern. Einen nicht zu verachtenden Teil trägt sicherlich auch das Geld dazu bei, das für jeden Touristen gezahlt wird: laut Jesús 40.000 kolumbianische Pesos (etwa 12 Euro).
Nach der Mittagspause, die über zwei Stunden betrug, die ich ehrlich gesagt lieber morgens im Bett verbracht hätte, kommen wir an einem Dorf der Kogi vorbei. Die Männer/Jungs und Frauen/Mädchen einer jeden Familie schlafen jeweils in verschiedenen Hütten. In der Frauenhütte muss das Feuer rund um die Uhr brennen. Das ist mitunter ein Grund warum die Frauen nicht sonderlich alt werden (35-40 Jahre). Ein anderer Grund ist, dass sie sobald sie ihre erste Periode haben, verheiratet werden und von diesem Tag an jedes Jahr ein Kind gebären. Wenn die Frau nach 10 bis 15 Kindern nicht mehr fruchtbar ist, hat der Mann das Recht sich eine neue Frau zu suchen.
Jesús schenkt einer Kinderschar Lollis und wir dürfen im Gegenzug ein Foto von ihnen machen. Außerdem zeigt er uns den Poporo, den ein Kogi-Junge zu seinem 17. Lebensjahr erhält, dem Eintritt ins Erwachsenenalter. Was es damit auf sich habe, wird uns Jesús am Abend erzählen, verspricht er. Oder am nächsten Abend. Mal schaun.





Gerade rechtzeitig bevor der Regen einsetzte, erreichten wir unseren Pausenunterschlupf.


Da der Regen auch nach einer halben Stunde nicht nachgab, ging es eben mit Poncho weiter. Auch wenn unsere T-Shirts eh nicht mehr nasser werden konnten… Bald mussten wir den breiten Fluss Buritaca überqueren, der sich aufgrund des Niederschlags zu einem reißenden braunen Strom entwickelt hatte. Gut für uns, denn so kam die manuelle Seilbahn zum Einsatz, in der wir einer nach dem anderen über den Fluss gezogen wurden.



Das Camp für die zweite Nacht - Paraiso - liegt 1 km vor der Ciudad Perdida. Hier schlafen alle Besucher unter einem Dach. Wir waren mit 40 Leuten wirklich eine überschaubare Größe und das kam mir schon beengt vor! Ich will mir gar nicht ausmalen, wie das zu Spitzenzeiten ist! Unser Übersetzer erzählte uns, dass dann in Schichten gegessen wird, und dass die letzten, die im Camp eintreffen Hängematten ohne Moskitonetz für die Nacht beziehen müssen. Unvorstellbar! Denn die Moskitozahl nimmt rapide zu je mehr man sich der Ciudad Perdida nähert!



Und leider scheinen Moskitos nicht die einzigen Ungeziefer zu sein, die es sich dort gemütlich machen… mitten in der Nacht begannen meine Waden wie verrückt zu jucken… Moskitostiche? Oder Bettwanzen?!? Auch die Mutter der kolumbianischen Familie klagte am nächsten Morgen über den nächtlichen Juckreiz…
Aber bevor wir uns diesem Thema näher widmen konnten, hieß es wieder um 5 Uhr aufstehen, frühstücken und auf zu unserem Ziel: der Ciudad Perdida. Eine letzte Flussüberquerung und 1200 Treppenstufen später setzten wir Fuß auf den Boden der verlorenen Stadt. Nachdem wir den Ahnen der Tayrona ein paar Kokablätter geopfert, weitere 300 Treppenstufen erklommen und einen Stein im Namen der Fruchtbarkeit abgelegt hatten, genossen wir endlich den Ausblick, den man von zahlreichen Postkartenmotiven kennt.











Hier kam nun endlich auch Jesús zum Einsatz und teilte ein paar Hintergrundinformationen mit uns, die er mit aus dem Internet ausgedruckten Fotos untermalte. Die Infos decken sich nicht immer mit Wikipedia, aber ich denke, wir sollten hier einem über zwei Jahre ausgebildeten Guide mehr Glauben schenken. Daher verwende ich seine Infos.

Von dem Stamm der Tayrona zwischen 700 und 900 n. Chr. erbaut, war die Stadt Zuhause von rund 2000 Stammesangehörigen. Die Stadt zählt 260 der berühmten runden Terrassen, auf denen je eine Familie in zwei Hütten wohnte (eine für den männlichen Teil der Familie, eine für den weiblichen). Um 1600 wurde die Stadt verlassen. Einerseits weil der Tayrona-Stamm vor den von den Spaniern eingeschleppten Krankheiten flüchtete, andererseits weil die Spanier in anderen Teilen der Sierra Nevada die indigenen Völker bekriegten und versklavten und die in der Ciudad Perdida lebenden Tayrona diesem Schicksal entkommen wollten.
In den 1970ern wurde die Stätte wiederentdeckt und fiel zunächst Plünderern zum Opfer, da die Tayrona ihre Goldschätze zurückgelassen hatten. Zwischen 1976 und 1980 wurde die Stadt restauriert und ist seit 1980 für Touristen zugänglich.
Nachdem 2003 acht Touristen entführt und bis zu 100 Tage festgehalten wurden, ist die Stätte zudem ein permanenter Militärstützpunkt.
Nachdem die Ciudad Perdida wiederhergestellt wurde, nahmen auch die indigenen Kogi, die von den Tayrona abstammen, einen Teil der Stätte in Beschlag. Leider war der Schamane, sozusagen der Häuptling der Kogi, bei unserem Besuch nicht zugegen.






Nach einer ausführlichen Besichtigung der Ruinenstadt ging es auf den 1,5 tägigen Rückweg. Wie das immer so ist, ist der identische Weg beim zweiten Mal weniger spannend. Hat man ja alles schon gesehen…


Am Abend erzählte uns dann Jesús endlich, was es mit dem Poporo auf sich hat, den die Kogi-Männer unablässig mit sich herumtragen. Es ist etwas kompliziert. Kurzgesagt befindet sich in einem gehärteten Kürbis pulverisierter Schneckenhauskalk. Diesen mischen die Kogi in ihrem Mund mit kokablattgetränktem Speichel und schmieren die Substanz immer im Kreis entlang des Kürbiskopfes, wodurch eine gelbe feste Masse entsteht. Sie sagen, dass sie so ihre Gedanken aufschreiben (sie haben keine Schriftsprache), bzw. der Schamane kann darin auch Naturkatastrophen vorhersehen sowie den Gesundheitszustand seiner Männer. Ich frage mich vor allem, wer eigentlich als Erstes auf diese Idee kam…
Es wurde ein sehr interessanter Abend und wir konnten endlich alle Fragen stellen, die uns auf der Seele brannten. Und Jesús hat sein Trinkgeld gerettet.





Zurück in Santa Marta hatten wir nur einen einzigen ganz ganz dringenden Wunsch: Raus aus unseren Klamotten und alles in die Waschmaschine! Ganz nach Neuseeland-Manier hatten wir ein T-Shirt zum Wandern und eins für den Feierabend dabei. Und das Wandershirt war einfach mal konstant vier Tage lang nass(geschwitzt).
Die Wanderung wird in vielen Erfahrungsberichten als ultra-anstrengend beschrieben, was ich wirklich nicht teilen kann. Anstrengend fand ich eher die Umstände, unter denen man leidet: Die Matratzen waren in zwei von drei Camps bis auf den Boden durchgelegen, man kämpft non-stop mit allen möglichen Insektenschutzmitteln gegen die Moskitoschwärme an und fühlt sich irgendwie konstant nass und eklig, weil es dschungelmäßig warm ist und nichts trocknet. Mimimiii.

