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Kickstart in Kolumbien: Durch die Wüste Guajira zum nördlichsten Punkt Südamerikas

Gerade in Santa Marta angekommen, sah unser Plan eigentlich vor es langsam angehen zu lassen: Ein bisschen durch die Gassen schlendern, lecker essen, Sonne tanken und uns in Kolumbien eingewöhnen. Denn auch wenn wir nun schon ein paar Monate in Zentralamerika unterwegs sind und sich vieles ähnelt (der Hang zu Reis mit Bohnen zu jeder Mahlzeit, dass man grundsätzlich handeln muss, das fehlende Konzept der Pünktlichkeit…), hat doch jedes Land seine Eigenheiten.

Da wir für den Norden des Landes zwei Touren ins Auge gefasst hatten, gingen wir zu der Reiseagentur Magic Tour, deren Name mir zwar so gar nicht gefiel, aber die nunmal mit den besten Bewertungen aufwarten konnte. Mal fragen, wann wir die Touren denn am besten starten könnten. Antwort: Morgen. Um 4:30. So viel also zum Thema langsam angehen lassen.

So sollten unsere ersten Tage in Kolumbien eigentlich aussehen…

Auf unserer ersten Tour sollte es drei Tage in die Wüste Guajira gehen:

Dorthin, wo die Wüste aufs Meer trifft, wo eines der wenigen verbliebenen indigenen Völker Kolumbiens lebt, wo man in Hängematten unter dem Sternenhimmel schläft, und man am nördlichsten Punkt Südamerikas die Sonne untergehen sieht.

Da die Tour (trotz meiner vielleicht ein klein wenig romantisierten Beschreibung) nicht bei allen Touristen oberste Priorität hat, findet sie nur statt, wenn sich mindestens vier Leute finden. Na gut. Also soll es doch eher ein Kickstart als ein langsames Einleben werden.

Zusammen mit dem holländischen Pärchen Koen und Brigit sowie Lorenzo aus Italien ging es per Jeep los auf die über 300 km lange Fahrt Richtung Wüste. Auf der Karte sah es so aus, als wäre die Wüste gleich um die Ecke, aber Kolumbien ist nunmal doch ziemlich groß und Entfernungen sind leicht zu unterschätzen. Unterwegs tankten wir für umgerechnet 25 Cent pro Liter bei Straßenhändlern, die Benzin aus Venezuela ins Land schmuggeln: Eines der mehr oder weniger akzeptierten Schwarzmarktgüter.

Bei unserem Frühstücksstopp wurde ich um eine Erkenntnis reicher: Bestelle nie café, sondern immer café sin azúcar (Kaffee ohne Zucker), sonst bekommst Du eine ungenießbar übersüßte braune Brühe…

Zu Beginn führte uns eine asphaltierte Straße entlang der Kohle- und Erdgasförderungs- sowie Salzgewinnungsanlagen, die mehr oder weniger die einzige Lebensgrundlage der Region sind.

Salzfelder
und Salzförderung

In der indigenen Hauptstadt Uribia sollten wir uns mit Wasser und Keksen eindecken um an den Straßensperren zu bezahlen, die uns in der Wüste erwarten sollten. Da Brigit auf dem Weg nach Uribia herzzerreißend um eine Mango angebettelt wurde, kaufte ich noch ein paar Früchte. Mir war nicht ganz klar, ob die armen Straßensperrer vielleicht wirklich von Wasser und Keksen leben müssen?!?

Indigene Hauptstadt Uribia
Marktplatz von Uribia

Bald endete die asphaltierte Straße und der Spaß fing an. Schade dass wir nicht am Steuer rotieren durften. Die Wüste besteht zwar zu großen Teilen aus Kakteen-Landschaften, durch die 4WD-Pisten führen; aber immer wieder gibt es weite Sandfelder, auf denen unser Guide sichtlich Spaß hatte.

Unser Jeep
So macht Fahren Spaß!

Es gab hier und da mal eine Straßensperre in Form von Seilen, die über die Straßen gehalten wurden. Wir zahlten brav mit einer Tüte Wasser und einem Päckchen Kekse und durften passieren. Wir dachten uns: Hach, da haben wir ja viel zu viel eingekauft; und warfen fleißig wie beim Karneval Kekse aus dem Auto, wenn am Straßenrand ein Kind die Hand herausstreckte. Die Lebensumstände hier in der Wüste erweckten sehr unser Mitgefühl und es ist schwer zu begreifen, warum das Wayúu-Volk weiterhin in dieser öden Landschaft lebt bzw. überhaupt überleben kann.

Straßensperre voraus!

Mittags kamen wir in dem Ort Cabo de la Vela an, wo wir über Nacht bleiben sollten. Und um die indigene Kultur hautnah zu erleben, sollten wir in Hängematten übernachten, so wie es die Angehörigen des Wayúu-Stammes auch machen. Genau genommen nicht in Hängematten (hamacas) – und das scheint ein wichtiger Unterschied zu sein – sondern in typischen Hängematten (chinchorros), die größer, dehnbarer und damit gemütlicher sind. Immer wenn ich von hamacas sprach, weil ich mir das Wort nunmal besser merken kann, verbesserte mich unser Guide: Chinchorro!

Chinchorro-Hängematten

Cabo de la Vela ist ein sehr seltsamer Ort, der nur zu existieren scheint, weil der starke Wind perfekte Bedingungen zum Kitesurfen bietet.

In Cabo de la Vela…
…gibt es eigentlich nur eine sinnvolle Beschäftigung: Kiten.

Nachmittags fuhren wir etwas nördlich des Ortes erst zum Pilón de Azúcar (Zuckerhut) und dann zu einem weiteren Strand zum Baden und Sonnenuntergang angucken – der aber leider aufgrund der Wolkendecke nicht stattfand. Stattdessen verteilte Jan weiter Kekse an Kinder. Er sollte zu Hause wirklich in einen Karnevalsverein eintreten…?

Pilón de Azúcar – Zuckerhut
Es war windig!
Nippelalarm!
Man nennt ihn den Schildkröten-Berg…

Nun stand sie bevor: Unsere erste Nacht in einer Hängematte. Ja, wir sind eben doch eher von der Sorte Edelbackpacker und gönnen uns eigentlich immer ein Privatzimmer – abgesehen natürlich von Neuseeland, wo wir alle möglichen Unterkunftsarten in Anspruch nahmen. Aber eine Hängematte war auch dort nicht dabei. Ich muss sagen: Das Schlafen in der Hängematte war gar nicht so schlecht! Ich bin zwar alle paar Stunden aufgewacht, aber auch schnell wieder eingeschlafen. Für Schlafmangel sorgten hingegen die anderen Mitbewohner, die bis spät in die Nacht quatschten und lachten, ihre Wecker für 3:30 und 4:00 vergessen hatten auszustellen und zu faul waren sich aus ihrer Hängematte rauszubequemen um den Wecker auszumachen, oder schon um 6 Uhr wach und der Meinung waren, alle anderen bräuchten dann ja wohl auch keinen Schlaf mehr…☠️☠️☠️ Aber gut, dass wir an die „ruhige“, von der Straße abgewandte Seite umgezogen waren…

Hängematten-WG mit 16 Mitbewohnern

Leider zuckte der Wirt beim Frühstück nur verächtlich mit den Schultern, als ich um Kaffee ohne Zucker bat. Den müsse er dann extra aufbrühen, und stellte mir friss-oder-stirb-mäßig einen Becher braune Zuckerbrühe hin. Erschließt sich mir jetzt nicht, warum nicht einfach jeder nach seinem eigenen Geschmack süßen darf… Schlimmer hat es jedoch Brigit als Vegetarierin getroffen. Denn das Konzept vegetarisches Essen kennt man zumindest in diesem Teil Kolumbiens nicht. Wir durften in der Regel zwischen Fisch, Hühnchen, Fleisch und Garnelen (viele Familien leben in dieser Region vom Garnelenfang!!) wählen und dazu bekamen wir – jedes Mal und egal was man gewählt hat – Reis, Pommes, frittierte Kochbanane und eine Salatgarnitur. Für die vegetarische Variante wurde dann einfach die Hauptkomponente weggelassen. Wenn sie lieb fragte, wurde sie vielleicht durch Bohnen ersetzt oder durch Ei. Naja, im Vergleich zu den Wayúu, die sich vielleicht tatsächlich nur von Keksen ernähren müssen (das wurde nicht abschließend geklärt!), ist das Jammern auf sehr hohem Niveau. Vor allem, wenn man wie Brigit als Vegetarier auch keinen Reis und keine Pommes essen mag… Mir hat es jedes Mal fantastisch geschmeckt!

Um 8 Uhr ging es für uns weiter Richtung nördlichster Punkt Südamerikas: Punta Gallinas. Und das hieß: So richtig durch die Wüste. Drei Stunden ohne befestigte Straße. Nein, halt, 500 m befestigte Straße gab es Irgendwo im Nirgendwo.

Und vor allem gab es Straßensperren, Straßensperren, Straßensperren. 30? 50? Teilweise mussten wir alle 10 m anhalten. Irgendwann fragte unser Guide, bzw. eigentlich war es nur unser Fahrer, denn viele Informationen gab er uns leider nicht, wieviele Kekspackungen wir denn noch hätten. Schließlich brauchen wir noch welche für den Rückweg. Ups, da waren wir am Vortag wohl etwas spendabel gewesen…

Eine Straßensperre…
… folgte der nächsten.

Schließlich hatten wir uns zu den Sanddünen von Taroa durchgeschlagen, die direkt ins karibische Meer übergehen. Wunderschön! Irgendwie finde ich diese süßwasserlose Landschaft aber auch beunruhigend…

Dunas de Taroa
Der Ort, an dem die Wüste das Meer küsst.
Sie sahen nicht so aus, als würden sie gerne gestreichelt werden…

Weiter ging es zu unserer Unterkunft Luz Mila, einer der zwei einzigen Herbergen rund um Punta Gallinas. Für die Nacht besorgten wir uns diesmal ein Zimmer mit Betten, denn zum einen hatte sich Jan eine dicke Erkältung eingefangen, zum anderen mussten wir das Abenteuer Hängematte ja nicht gleich zwei Nächte in Folge wiederholen.

Zaun. Colombian-style.
Lorenzo füttert das Haustier der Unterkunft, das beängstigend gut wie ein Kind „Mama“ schreien kann.

Nachmittags ging es weiter an die Punta Gallinas, den nördlichen Punkt Südamerikas, der mit einem trostlosen Metall-Leuchtturm gekennzeichnet ist. Dahinter sieht man noch die Überreste des einstigen Leuchtturms, der jedoch von der salzreichen Witterung zermürbt wurde und eingestürzt ist.

Punta Gallinas – der nördlichste Punkt Kolumbiens

Anschließend fuhren wir an einen der vielen Strände der Bucht Hondita. Diesmal mit Sonnenuntergang, der jedoch nicht so magisch war, wie man es den Sonnenuntergängen in der Wüste nachsagt. Der Himmel war zu wolkenlos.

Bahia Hondita
Ein wolkenloser Sonnenuntergang an der Bucht Hondita…
…versprach einen wolkenlosen Sternenhimmel! Foto @Koen

Als Abschluss der Tour schipperten wir am nächsten Morgen durch die Bahia Hondita um Flamingos zu erspähen. Und wir wurden fündig! Sie sind jedes Mal wieder einfach wunderschön! Wo ist das Flamingo-Emoji, wenn man es braucht?!?

Flamingos in Sicht!!!
Jedes Mal einfach schön!
Und so sahen sie mit Koens Spiegelreflexkamera aus!

Nun hieß es acht Stunden zurück nach Santa Marta zu fahren. Vor allem die erste Stunde war sehr interessant, denn es hatte nachts zwar nur 10 Minuten geregnet – aber diese so richtig. Der Wüstensand kann Flüssigkeit nicht aufnehmen, so dass der Regen eine einzige Matschlandschaft zurückließ. Man sah es unserem Jeep an. In der Regenzeit ist die Wüste sogar zu großen Teilen von Wasser überspült, weswegen Google Maps suggeriert, man führe die meiste Zeit durch Seen.

So muss ein Auto am Ende eines Abenteuers aussehen!

Die übrigen sieben Stunden waren vor allem sehr unbequem, denn die hintere Jeepreihe, die Jans und meine Stammplätze waren, fiel beinfreiheitsmäßig in die Kategorie Holzklasse. Aber da die Holländer nunmal richtig groß sind (Koen über 2 m und Brigit bestimmt auch 1,85 m), konnten wir ihnen das rotierende Sitzplatzsystem einfach nicht antun.

Unsere Truppe

Da unsere Wasser- und Keksvorräte beängstlich geschrumpft waren, hieß die Straßensperren-Strategie unseres Guides: Augen zu und durch. Also ich Augen zu, er selbst nahm es ganz gelassen ungebremst auf die Barrikaden zuzupesen mit dem tiefen Vertrauen, dass die Kids ihr Seil schon rechtzeitig loslassen werden. Wohlbemerkt: einige Seile bestanden aus Metallketten! Es war eh schon echt warm (Wüste eben) und hinten im Jeep kam von der Klimaanlage leider nichts an, aber diese Fahrmanöver brachten mich ganz schön (zusätzlich) zum Schwitzen. Naja, wir haben’s überlebt und die armen Barrikadenkinder, die um ihre Kekse betrogen wurden, auch…

Zurück in Santa Marta pumpen wir Jan gerade mit Medikamenten voll, damit er pünktlich zum Start unserer nächsten Tour wieder fit ist. Also übermorgen. Vielleicht muss ich doch den Kokablätter-Händler um die Ecke konsultieren…

6 Kommentare

  1. @Melanie: Genau so soll das ja auch sein! ? Und irgendwie ist es ja auch sympatisch, wenn sie dem Touri nicht alles recht machen, sondern sich selbst treu bleiben. ?

  2. @Martina: Auf jeden Fall sehr augenöffnend! Denn auch wenn Touren dorthin inzwischen gut machbar sind, hat die Region noch etwas sehr Ursprüngliches. Sie verwöhnt uns Touristen nicht zu sehr, so dass man nicht übersieht, wie hart das Leben in der Wüste wirklich ist.

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