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Heimatgefühle in Kolumbiens Kaffeeoase Salento

Auf Salento freuten wir uns ganz besonders, denn hier würden wir nicht zu zweit die Zeit verbringen, sondern gemeinsam mit der lieben Laura aus Karlsruhe und ihrem Bruder Alex, die zeitgleich zu uns Kolumbien bereisen!

Die Abstimmung des Wo und vor allem des Wann lief ein wenig turbulent. Entgegen meiner ursprünglichen Vermutung, dass wir erst zum Ende von Lauras und Alex’ Urlaub Fuß auf kolumbianischen Boden setzen werden, waren wir tatsächlich mit unserer Rundreise bereits fast durch, als die beiden überhaupt erst angekommen waren. Doch da Jan und ich ein wenig Tempo aus unserer Reise rausnahmen und Laura und Alex an Tempo zulegten, konnten wir schlussendlich aus einem gemeinsamen Kaffeetrinken in Medellín vier Nächte in Kolumbiens Kaffeeregion zaubern!

Trotz unserer umständlichen Anreise aus Jardín kamen wir nachmittags in Salento an. Statt Taxi oder Tuktuk wird man in Salento in Jeeps, sogenannten Willys, umherkutschiert, die Kolumbien den Amis nach dem zweiten Weltkrieg abkaufte. Seitdem sind sie in der Kaffeeregion im Dienst, um Huckelpisten, steile Auf- und Abstiege und schwere Lasten zu meistern. In Salento transportieren sie bis zu 13 Passagiere zusätzlich zum Fahrer!

In Salento fährt man Jeep.
Die Tragfähigkeit der Willys kennt keine Grenzen…
…wie dieses Bild beweist.

Wir sprangen nach einem Arepa und einer Kokoslimo von einem der vielen Streetfood-Stände in einen dieser Jeeps zu unserem etwas außerhalb gelegenen Hostel La Serrana.

Typische Fruchtsaftstände in Kolumbien
Arepas
Elotes

Im Hostel warteten wir gespannt auf Laura und Alex. Wie wird wohl das Wiedersehen nach neun Monaten sein? Der erste Vorgeschmack auf die Heimat?

Was für eine Frage! Es war, als hätten wir uns gestern erst das letzte Mal gesehen. Nur mit mehr Wiedersehensfreude. Es ist wirklich verrückt: Es fühlte sich ganz normal an, als wir gemeinsam durch kolumbianische Straßen schlenderten.

Bei einem Fläschchen Wein stilecht in Porzellantassen serviert (mit Gläsern war die Küche des Hostels nicht gesegnet) verbrachten wir den Abend damit alle News der letzten Tage aufzuholen. Glücklicherweise mussten wir Dank Blog und sozialen Medien nicht die gesamten letzten acht Monate rekapitulieren!

Unseren ersten gemeinsamen Tag genossen wir, indem wir ins etwa zwei Kilometer entfernte Stadtzentrum von Salento schlenderten. Man spürt mit jedem Blick in die Landschaft, dass dies ein ganz besonders schöner Ort ist.

Unser Hostel La Serrana und die beiden Jungs von der Rezeption

Da die Kolumbianer an diesem Tag ihre Unabhängigkeit feierten, war auf dem Marktplatz und in der Tourigasse einiges los: Das Militär patroullierte, bunte Mini-Jeeps fuhren umher und eine riesige kolumbianische Fahne wurde über den Platz getragen.

Mini-Jeep-Parade
Und Maxi-Jeep-Parade
Wir überlegen uns auch Partnertravelponchos zuzulegen…
Nicht bunt, aber nicht minder hübsch.

Die feierliche ausgelassene Stimmung steckte uns an, sodass wir uns dazu hinreißen ließen ein Gruppenportrait von einem Karikaturisten malen zu lassen.

Who’s who?

So langsam neigte sich Jans und meine Zeit nicht nur in Kolumbien sondern auch in Mittel- und Südamerika dem Ende zu, so dass wir nochmal all das genossen, was wir in den letzten Monaten lieb gewonnen hatten. Allem voran: die vielen leckeren und exotischen Früchte, die woanders entweder weniger köstlich schmecken, viel teurer sind, oder die es gar nicht erst gibt.

Yammy!
Meine Favoriten!

Die Zeit beim Bummeln entlang Salentos Touristenfallen verflog im Nullkommanichts, so dass wir uns auf die letzten Meter ganz schön beeilen mussten, um es rechtzeitig zu unserer Kaffeetour zu schaffen. Kolumbiens Kaffeeregion ist riesig und Salento nur einer von vielen Orten um eine Kaffeeplantage zu besichtigen. Wenn man hier jedoch ein paar Tage verbringt, ist es ein Muss.

Da wir an unserem ersten gemeinsamen Tag nicht aus unseren gemächlichen Rhythmus gebracht werden wollten, entschieden wir uns für eine kleine aber feine Führung über die Plantage von Don Elias, ein uriger alteingesessener Kolumbianer. Seine Kaffeeernte geht nicht in den kommerziellen Verkauf, sondern kann nur von Besuchern seiner Plantage erworben werden und deckt natürlich den Eigenverbrauch. Dabei behält er nur die Bohnen 2. Klasse für den Eigenbedarf, die guten Bohnen gehen in den Verkauf – wie überall in Kolumbien.

Das ist nicht Don Elias.
Reife Kaffeekirschen…
…werden in dieser Maschine ihr Fruchtfleisch los.
Getrocknete Bohnen vorm Rösten.
Mahlen…
…und genießen!

Eigentlich wollte ich unbedingt ein Päckchen Kaffee direkt von einer Kaffeeplantage kaufen. Leider war das Verpackungsdesign von Don Elias so stümperhaft gestaltet, dass mein Marketing-Herz den Kauf nicht übers Herz brachte.

Don Elias braucht einen Verpackungsrelaunch!

Für den nächsten Tag hatten wir uns Das Must-Do für Salento-Besucher vorgenommen: eine Wanderung durchs Cocora Valley. Doch schon beim Aufwachen stand die Wanderung unter keinem guten Stern. Jans Erkältung hatte ihn abermals eingeholt und er entschied sich im Bett zu bleiben. Auch wenn er davon ausging, dass der Anspruch der Wanderung auf einer Skala von Seniorenausflug bis Himalaya-Besteigung etwa auf dem Niveau eines Sonntagsspaziergangs läge. Laura ging es auch nicht viel besser, aber sie setzte Vertrauen in das Heilmittelchensortiment der Kolumbianer.

Tatsächlich wirkte der Erkältungstee im Handumdrehen und wir stiegen guter Dinge in den Jeep Richtung Cocora Valley. Mit 30 km/h reizte der Fahrer den Motor seines Willys bis zur Schmerzgrenze aus und wir genossen die von der Sonne geküssten grünen sanften Hügel, auf denen genüsslich Kühe grasten. Ja, idyllischer geht es kaum!

Und genau in diese malerische Landschaft wanderten wir für die ersten Minuten hinein. Leider nicht alleine: Der beliebteste Tagesausflug zieht täglich hunderte Touristen an.

Lange blieb es leider nicht idyllisch.

Bald führte der Weg in einen Nebelwald, in dem wir einem Fluss bergaufwärts folgten und ihn über mehrere Brücken immer wieder überquerten.

Angeln im Bosque de Cocora
Wir wanderten über solche Brücken…
…und solche!

Nach zwei Stunden Wanderung nahmen wir – zugegeben unfreiwillig – die Abzweigung zu einem Kolibri Schutzgebiet. Hier machte endlich die Tierfotografie Spaß, denn Laura hatte mir meine Kamera mitgebracht. Mit der Handykamera ist Tierfotografie echt ein Krampf, da man ganz ganz nah herangehen muss. Das geht bei Raupen noch, weil sie nicht so schnell flüchten können, aber Kolibris!?!

Dank Kamera endlich gute Tierbilder!

Zurück auf dem regulären Weg ging es nochmal für 900 m bergauf. Am höchsten Punkt der Wanderung befanden wir uns fast auf 3000 m Höhe. Das hatten wir irgendwie gar nicht auf dem Schirm, und soviel zu Jans Einstufung “Sonntagsspaziergang”…

Wir waren nun schon vier Stunden unterwegs und noch immer war von den berühmten Wachspalmen, wegen denen man die Wanderung eigentlich unternimmt, keine Spur. Vom höchsten Punkt ging es auf einem weiten Waldpfad bergab. Nach fünf Stunden lichtete sich endlich der Weg und führte auf grasige Hügel, von denen hunderte Wachspalmen 60 m in die Höhe ragten.

Blogger @work
Wachspalmen: Kolumbiens Nationalbaum
Valle de Cocora – deswegen tut man sich die Strapazen an.
#worthit

Bald kam der erste Kiosk in Sicht. Wir wagten die Frage, wie weit es denn bis zum Ende des Treks sei. Unser Verständnis der provisorischen Karte war, dass wir nun sicher noch eine Stunde laufen müssten.

Drei Minuten.

Was? Das kann nicht sein. Also nochmal jemand anderes und etwas genauer gefragt: Wir meinen dort, wo die Restaurants sind und die Jeeps nach Salento abfahren.

Drei Minuten. Gleich da vorne.

Juchuuuuuu! Erschöpft und mit sonnengeröteten Wangen sprangen wir in den nächstbesten Jeep nach Salento.

Eigentlich hätten wir jetzt noch einen vollen gemeinsamen Tag in Salento haben sollen, aber man ist nicht in Südamerika gewesen, wenn alles wie am Schnürchen läuft.

Unser Plan war nach vier Nächten in Salento mit dem Flieger vom nahegelegenen Pereira nach Bogotá zu fliegen, von wo wir um Mitternacht unser nächstes Reiseziel ansteuern würden. Leider stellte sich heraus, dass der Flughafen Bogotá und vor allem die Inlandsflüge immer wieder massiven Verspätungen wenn nicht gar Stornierungen unterliegen. Wir hatten zwar ausreichend Puffer zwischen den Flügen eingeplant, aber da fünf Stunden Verspätung eher Regel als Ausnahme sind, erschien uns das Unterfangen ganz schön heikel. Der Langstreckenflug war einfach zu teuer um ihn aufs Spiel zu setzen.

Alternative: Bus. Busfahren in Kolumbien ist simpel und kostengünstig, aber in der Regel ein zeitintensives Unterfangen. Für die 300 km, die zwischen Armenia (dem nächstgrößeren Ort neben Salento) und Bogotá liegen, beträgt die schnellste Verbindung 8 Stunden. Diese werden bei hohem Verkehrsaufkommen gerne zu 12, wenn nicht gar 14 Stunden!

Trotzdem erschien uns Busfahren als die sicherere Variante um rechtzeitig unseren Flieger zu erwischen. Und da die Busfahrten tagsüber eben häufig zwölf Stunden dauern, entschlossen wir uns schweren Herzens unsere Zeit mit Laura und Alex um eine Nacht zu kürzen und den Nachtbus nach Bogotá zu nehmen. Zu allem Übel verdoppelte sich unsere Reisezeit dadurch von ca. 25 Stunden auf 50 Stunden!

Somit waren wir für unseren letzten gemeinsamen Tag nicht voller Tatendrang, sondern machten es wie am ersten Tag und schlenderten nochmal durch Salento. Tranken Kaffee, kauften Kaffee und ließen die Kaffee-Tourifalle zuschnappen (ok, nur ich bin drauf reingefallen…).

Gegen Abend ging es dann für Jan und mich erst nach Armenia und von dort mit dem Nachtbus nach Bogotá. Was war ich froh, dass wir nicht die zeitkritischere (aber eben ausgeschlafene) Tagsüber-Variante gewählt hatten. Wir krochen im Schneckentempo hinter einer Schlange LKWs die Berge hoch und runter. Nach 1,5 Stunden hatten wir erst ein winziges Bruchstück der Strecke zurückgelegt.

Fortschritt nach 1,5 Stunden auf der Strecke Armenia-Bogotá

Auf wundersame Weise kamen wir dennoch pünktlich nach acht Stunden Busfahrt in Bogotá an. Jedoch völlig übermüdet, da man bei den vielen Kurven und dem ständigen Abbremsen und Beschleunigen nicht in den Schlaf gelullt wird. Außerdem sprang die Klimaanlage jedes Mal an, sobald die Temperatur im Bus drohte über 16 Grad zu steigen. Ich war zwar mit Pulli, Schal und Poncho gewappnet, aber Jan musste der Kälte in T-Shirt und Shorts trotzen. Als hätten wir nicht in Mexiko genügend überklimatisierte Busfahrten erlebt, um daraus klüger zu werden. Falls sich jemand fragt, warum es eigentlich immer Jan mit den Erkältungen erwischt.

In Bogotá hatten wir Glück, dass wir trotz unchristlich früher Uhrzeit ein Hostelzimmer beziehen durften und so während unser 50 Stunden Reise doch ein wenig Schlaf bekamen. Nachtbus, einen ganzen Tag Zeit totschlagen, Nachtflug und diverse Stunden Weiterreise hätten sonst bedeutet, dass wir definitiv die ersten Tage in – Spannung steigt – Kanada mit Schlafen verbracht hätten.

Und so hatten wir auch die Chance noch ein bisschen was von Bogotá zu sehen, das wir ja eigentlich als Reiseziel gestrichen hatten. Und wie erkundet man eine Stadt in kürzester Zeit besser als bei einer Free-Walking-Tour?

Bogotá
Free Walking Tour inkl. freiem Nationalgetränk Chicha

Auch diesmal hatte der Guide einiges zu erzählen. Zum Beispiel, dass Mick Jagger vor einigen Monaten in Bogotá ein Konzert gab und bei einem Bummel durch die Straßen die beliebten Oblaten-Sandwiches probieren wollte. Der glückliche Verkäufer schlug daraus gleich doppelt Profit: Nicht nur soll er Mick ganz schön übers Ohr gehauen haben (er hat umgerechnet 3 statt 1 Dollar zahlen müssen), sondern natürlich machte er sofort groß Werbung, dass seine Oblaten die besten seien. Aber Kolumbianer sind nicht um ein wenig Flunkern zugunsten der eigenen Geschäfte verlegen, und so ist bis heute jeder Stand mit einem Plakat von Mick Jagger mit einer Oblate in seiner Hand geschmückt.

Kolumbianische Spezialität: Mick Jagger Oblaten

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